Donnerstag, 11. August 2022

die Alpen-Königin

Die Alpen-Kopfblume ist eine ganz besondere Blume mit Köpfchen. Was für Albrecht von Haller der Gelbe Enzian war, soll dem Blumenwanderer die himmelstürmende Kopfblume sein, die sich über das gemeine Volk der "Pöbel-Kräuter" erhebt:

Dort ragt das hohe Haupt am edlen Enziane

Weit übern niedern Chor der Pöbel-Kräuter hin:

Ein ganzes Blumenvolk dient unter seiner Fahne.....

heisst es in Hallers Gedicht "die Alpen" (381-383). Er beschreibt eine idealisierte alpine Naturlandschaft mit hohen Bergen, wilden Flüssen und einer reichen, farbenfrohen Flora. Da Haller als Botaniker zu seiner Reise aufgebrochen war, erstaunt es nicht, dass sein »immerforschend Aug« sich besonders detailliert an der bunten Pflanzengesellschaft ergötzt.

Auch des Blumenwanderers immerforschend Aug' ergötzte sich kürzlich im Berner Oberland an den Alpenblumen, allen voran an der Alpen-Kopfblume (Cephalaria alpina), der man nur selten begegnet. Aber auch einige ihrer "Untertanen" aus dem Blumenvolk seien hier gezeigt.


was sind schon die Gelben Enziane (Gentiana lutea) auf dieser Aufnahme
im Vergleich zu den schlanken Stängeln der Kopfblumen (Cephalaria alpina)!
Dabei sind sie hier noch nicht einmal erblüht!



die auch Schuppenkopf genannte Art kommt
im Kanton Bern nur hier vor,
das aber sehr zahlreich!


Knospe einer Kopfblume
(Aufnahme von Maria Merz, Oberhofen)



ich bewundere die kräftigen und eleganten Stauden
dieses Geissblattgewächses


die Korallenwurz (Corallorhiza trifida)
fruchtet bereits...



während die Nessel-Glockenblumen (Campanula trachelium)
  noch blühen, sogar in zwei Farben.





Kugelorchis (Traunsteinera globosa)


die Blätter der Süssdolde (Myrrhis ordorata)
duften zerrieben nach Anis 


eine Spezialität hier oben ist auch...
Plumiers Milchlattich (Cicerbita plumieri).



bei einem zweiten Besuch sind die Kopfblumen nun voll erblüht.
Der Blumenwanderer gibt es unumwunden zu: sie gehört zu seinen Lieblingsarten!

unerwartet angetroffen: Schweizer Weide (Salix helvetica)

Arnika (Arnica montana)



die Blüten befinden sich in einem endständigen köpfchenförmigen Blütenstand


die kugeligen Blütenköpfchen weisen außen
mehrere Reihen Hüllblätter auf....
und ziehen viele Insekten an wie hier
drei Kleine Wiesenvögelchen
 (Coenonympha pamphilus)

ein Regenmoli (Salamandra atra)
 als Indikator einer intakten Natur


Gletscherlinse (Astragalus frigidus)







die Wollköpfige Kratzdistel (Cirsium eriophorum)
ist eine Schönheit sondergleichen



auch sie ist ein starker Insektenmagnet!


etwas ähnlich ist die Filzige Klette (Arctium tomentosum)
mit ihren lang gestielten Blütenköpfen

diese Blütenköpfe sind auffällig spinnwebig behaart



Weisszunge (Pseudorchis albida)



Scheuchzers Glockenblume (Campanula scheucheri)






der Kleine Odermennig
(Agrimonia eupatoria)
ist ein Rosengewächs.






zu einer der faszinierendsten Arten gehören diese 
stahlblauen Kerzen: Hoher Rittersporn (Delphinium elatum)






die Knospen dieses Hahnenfussgewächsese
sind schwärzlich
von den 5 Blütenblättern sind die unteren
4 eiförmig, das oberste hat einen langen
und oft runzeligen Sporn



erstaunlicherweise auch dies ein Hahnenfussgewächs:
das Christophskraut (Actaea spicata)


Dach-Hauswurz (Sempervivum tectorum)



ein nicht alltäglicher Fund sind diese grosse Stauden
der Echten Hundszunge (Cynoglossum officinale)



auf einmal sehe ich mich von Schafen umringt

gerne gönne ich ihnen ihr Gräslein (und ach, auch ihr Blümlein),
sind sie es doch, die den Lebensraum offenhalten!



zum Schluss noch dies:
alles ist vergänglich, doch verströmt die Kopfblume
auch nach dem Verblühen und Absamen
noch soviel Schönheit!
(vielen Dank an Maria Merz für die Aufnahme!)



Mittwoch, 27. Juli 2022

ein Botaniker kommt nicht vorwärts...

wie ein Sportler; das ist wahr. Doch ist das auch nicht weiter schlimm, denn nur so kommt er vorwärts. Was paradox klingt, erklärt sich leicht: je langsamer der Blumenfreund unterwegs ist, desto mehr sieht er am Wegesrand. Ein, zwei Kilometer können die Welt bedeuten, und das Schöne daran, nicht von Ort zu Ort, von einer Tour zur nächsten zu hetzen, ist die Möglichkeit, längere Zeit an einem Ort zu verweilen und Details zu betrachten, die bei normalem Wandertempo übersehen würden. Dabei wird man auf so manch Unscheinbares aufmerksam, so z.B. auf den seltenen Hain-Wachtelweizen, von dem es nördlich von Vevey da und dort noch grössere Bestände gibt.   

Die streng geschützte Pflanze zählt zu den Halbschmarotzern, die bezüglich ihrer Wasser- und Nährsalzversorgung auf Wirtspflanzen angewiesen sind. Die Pflanze selbst kann zwar Photosynthese betreiben, doch durch spezielle Saugorgane (Haustorien) an den relativ schwach entwickelten Wurzeln ist sie mit den Wurzeln ihrer Wirte verbunden. Um gegen die Saugkraft der Wirtspflanze an Nährstoffe aus dem Saftstrom des Wirtes zu gelangen, ist die Transpirationsrate des Hain-Wachtelweizens besonders hoch. Als Wirte fungieren Gräser, aber auch Gehölze.

Hier ein paar Aufnahmen von einer Miniwanderung des Blumenwanderers am Mont Pèlerin oberhalb des Genfersees, bei dem er zufällig auch auf das Haus des berühmten Botanikers Emile Burnat stiess.


trotz der Hitze: herrliche Aussicht auf den Léman 


kaum auffallend, aber einfach zu bestimmen
sehe ich in einem bewaldeten Bereich....

die ersten Hain-Wachtelweizen
(Melampyrum nemorosum).



dass es sich nicht um den Wald-Wachtelweizen
handelt, sieht man an den breit-herzförmigen,
blauviolett überlaufenen Hochblättern
sie bilden einen auffälligen Farbkontrast
zu den gelben Blüten



"Il a fallu qu'un petit jeunot curieux passe le long de la route
Attalens - Mt. Pèlerin un certain jour d'août 1961
et voici à nouveau Melampyrum nemorosum
qui attire un regard", schreibt Pierre Mingard
und etwa so erging es dem Vieillot
von einem Blumenwanderer,
als er unterhalb des Pèlerin
ein Strässchen entlangspazierte


wie schön ist doch auch eine ansonsten häufige Art
wie die Kleine Brunelle (Prunella vulgaris)


an einem Feldweg komme ich aus dem Staunen nicht heraus:
im Halbschatten eines Gebüschsaumes wuchert der Hain-Wachtelweizen nur so vor sich hin!


die Hochblätter scheinen die Aufgabe zu haben,
Melampyrum nemorosum zum attraktiven Blickfang
für blütenbesuchende Insekten zu machen



in grösserer Zahl bietet die spektakuläre Pflanze
einen schönen Blühaspekt







begleitet wird der Hain-Wachtelweizen
vom Mittleren Klee (Trifolium medium)


die zu den Sommerwurz-Gewächsen gehörende Pflanze 
wird bis zu 50 cm hoch




beim Landgut des Botanikers Emile Burnat (1828-1920)
lasse ich den zauberhaften Tag ausklingen