Freitag, 24. Juli 2026

Das Relikt

Wieder einmal verliess der Blumenwanderer die Komfortzone und ging in die Berge, um ein bisschen den Helden zu spielen. Aber auch als schwerfälliger und langsamer Berner fühlt er sich dort ein klein bisschen leichter, frei von der Routine des Alltags, wie in einer anderen Dimension. Andererseits ist das Gebirge auch der Schauplatz für den Kampf mit den eigenen Ängsten: hier muss man sich ihnen stellen.

Die wahren Helden im Gebirge sind aber die Tiere und Pflanzen, die dort leben, nicht nur bei Schönwetter und nicht nur im idyllischen Bergsommer. Sie sehen so harmlos aus, die Alpenblümchen, und sind doch Spezialisten mit raffinierten Ueberlebensstrategien! Und diese brauchten sie auch, um dort auf dem Brienzergrat während Jahrtausenden zu überleben.

Ziel war diesmal ein altbekanntes Vorkommen des Westlichen Alpen-Mohns. Mit seinen grossen, leuchtend weissen Blüten ist Papaver occidentale fast so etwas wie ein Emblem der Westlichen Voralpen. Mit seiner Vorliebe für Kälte und steile Schutthalden ist dieses Glazialrelikt aber auch ein Spezialist der Extreme, und man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie die so zart wirkende Schönheit in solch unwirtlicher Umgebung, immer bedroht vom Rollschutt, dort überhaupt gedeihen kann.

immer wieder unfassbar, dieses Panorama!
auch sie sowas wie emblematische Arten:
Grossköpfige Gämswurz (Doronicum grandiflorum)
Alpen-Hahnenfuss (Ranunculus alpestris)


Blick auf die andere Seite des Grates mit der Schrattenfluh
auch ein Emblem?
ganz sicher keine sind diese beiden Unscheinbaren:
oben Mannsschild-Steinbrech (Saxifraga androsacea)
und rechts Thals Klee (Trifolium thalii)
der Weg ist gesäumt von blühenden Kugelorchis (Traunsteinera globosa)
auch ist schon einiges abgeblüht, so
das Immergrüne Felsenblümchen
(Draba aizoides) und ...

der Südliche Tragant (Astragalus australis).



nicht so aber das Männertreu (Nigritella rhellicani)

hier verzichtete ich allerdings darauf,
auf den Grat ins Edelweiss-Schutzgebiet zu steigen.



Berg-Spitzkiel (Oxytropis jacquinii)
Alpen-Tragant (Astragalus alpinus)

weiter geht's auf dem Gratweg.
Links oben die markante Spitze des Tannhorns.
Alpen-Goldrute
(Solidago virgaurea ssp. minuta)
Orangerotes Habichtskraut
(Hieracium aurantiacum)

Alpen-Berufkraut (Erigeron alpinus aggr.)


Schweizer Labkraut (Galium megalospermum)



und hier zwei ganz Kleine:
links die Hohlzunge (Coeloglossum viride) und oben
das Hahnenfuss-Hasenohr (Bupleurum ranunculoides)

der Wolfstöter (Aconitum lycoctonum)

ein Läusekraut in zwei Farbvarianten
(Pedicularis verticillatum) Foto von Paul Hürlimann


und gleich noch ein gelbes:
das Bunte Läusekraut (Pedicularis oederi),
dessen Kronblätter an der Spitze auffällig
rotbraun überlaufen sind

Hallers Margerite (Leucanthemum halleri)




Gämskresse (Pritzelago alpina)

Schwarze Schafgarbe (Achillea atrata)

und ein Blick hinüber zur Schrattenfluh

inmitten all der Margeriten fast übersehen:
der Westliche Alpen-Mohn (Papaver occidentale)



die zierliche Art ist kleiner als erwartet


die Art fruchtet, blüht und knospet zugleich
(Foto: Paul Hürlimann)
diese Schutthalden sind das Habitat des Alpen-Mohns.
Rechts der markante Rücken des Hohgantmassivs.


auch das Alpen-Leinkraut (Linaria alpina) fühlt sich hier wohl

unten in einem Mösli angetroffen:
erste blühende Moorenziane
(Swertia perennis)
eigentlich auch ganz schön, wenn er nur nicht so giftig wäre:
das Alpen-Greiskraut (Senecio alpinus).
Seine hochgiftigen Alkaloide bleiben auch beim Trocknen erhalten. Das bedeutet, dass die Giftstoffe im Heu oder in der Silage wirksam bleiben. Auf der Weide wird die frische Pflanze vom Vieh oft wegen ihres bitteren Geschmacks gemieden, im Heu können die Tiere sie jedoch nicht mehr aussortieren.


den Schlusspunkt soll nun aber doch der anmutige Bergler oben bilden!
(Foto: Paul Hürlimann). Oben die Spitze des Schibengütsch.













Donnerstag, 9. Juli 2026

Eine bescheidene Blume

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné entdeckte das Moosglöckchen (Linnaea borealis) 1732 auf seiner berühmten Forschungsreise durch Lappland und war sofort davon fasziniert. Da es unüblich ist, Pflanzen nach sich selbst zu benennen, bat er seinen engen Freund und Gönner, den niederländischen Botaniker Jan Frederik Gronovius, die Namensgebung zu übernehmen. Gronovius widmete die Gattung Linnaea offiziell seinem Freund. Der Artname borealis bedeutet schlicht „nördlich“ und verweist auf das circumpolare Hauptverbreitungsgebiet der Pflanze.

Interessanterweise sah Linné in der kleinen, unaufdringlichen Pflanze eine Metapher für sein eigenes Leben! Er beschrieb sie mit den Worten: „... eine Pflanze in Lappland, niedrig, unbedeutend, missachtet, die nur kurze Zeit blüht – benannt nach Linnaeus, der ihr gleicht.“ Im unauffälligen Wuchs, der demütig-nickenden Blütenhaltung und im genügsamen Standort sah Linné offenbar eine Analogie zu seinem eigenen, anfangs einfachen Leben.

Auch wenn er das vielleicht mit einem Augenzwinkern schrieb, ist doch klar, dass das Moosglöckchen seine erklärte Lieblingspflanze war. Auf fast allen historischen Gemälden und Porträts hält er ein Exemplar des Moosglöckchens in der Hand. Als er 1757 vom schwedischen König in den Adelsstand erhoben wurde und den Namen Carl von Linné annahm, liess er das Moosglöckchen sogar als zentrales Element in sein offizielles Adelswappen integrieren!



zuerst mache ich einen Abstecher in ein südliches Land:
les Follatères bei Fully!

aber was wächst denn da völlig unauffällig
auf einem der vielen Rebwege?


erst die Blüte macht klar: es handelt
sich um den Burzeldorn (Tribulus terrestris)



auch er eine bescheidene Blume oder das,
 was man im Berndeutschen einen Bodesuri nennt.


die Nahaufnahme macht vollends klar, dass es sich um den Burzeldorn handelt
mit den namensgebenden stachligen Früchten (Foto: Paul Hürlimann)

auf den trockenen Wegen wächst auch dieses Gras...

und am Rande dieses Rebberges blüht es gar:
das Klettengras (Tragus racemosus)

und an einem Waldrand blüht gerade....
der Kamm-Wachtelweizen (Melampyrum cristatum).


eher unerwartet stelle ich fest, dass an diesem warmen Ort
auch die Douglasie (Pseudotsuga menziesii) gedeiht



häufig auch die Sprossende Felsennelke
(Petrorhagia prolifera)
schon auffälliger dagegen
die Nesselblättrige Glockenblume (Campanula trachelium)
weiter geht die Fahrt....

das Wallis hinauf auf abenteuerlichen Wegen
ins Val d'Anniviers. Hier ist es angenehm kühl.
Oben die schöne Meisterwurz (Peucedanum ostruthium).


hier ist der schattige Lebensraum
des Birngrüns (Orthilia secunda)....


und des Wald-Storchschnabels (Geranium sylvaticum). 


diese verdächtigen Blättchen
könnten auf eine Waldorchidee hindeuten


sie finden sich ab und zu an dieser moosigen Böschung
mit vielen Habichtskräutern



der Blumenwanderer scheint es heute mit den
unauffälligen, bescheidenen Blumen zu haben



denn auch das Kleine Zweiblatt (Listera cordata)
ist ein richtiger Bodensuri!



der Keilblättrige Steinbrech (Saxifraga cuneifolia)...
ist bereits abgeblüht.


schön diese rundlichen Blättchen sonder Zahl.
Diesmal eher keine Waldorchideen.



der Bach und die Höhe führen zu einem
frischen Klima auch im Sommer


wieder diese Blättchen: sie hängen an ihren
Zweigen auch von einem Baumstrunk herab


auch hier kommt ein Wachtelweizen vor:
Wald-Wachtelweizen (Melampyrum sylvaticum)






nun ist alles klar: die verdächtigen Blättchen gehören 
zum Moosglöckchen (Linnaea borealis)!


Foto: Paul Hürlimann

wie geniesse ich diese leicht rosafarbenen, wohlriechenden
Glöckchen, wobei ich den grossen Linné hier
durchaus verstehen kann!





ohne Worte