Samstag, 2. Mai 2026

Äussere und innere Werte

Was ist Schönheit? Darüber liesse sich nun trefflich philosophieren. Tatsache ist, dass die meisten Menschen Blumen als schön empfinden. Und so zieht denn eine Blumenschau wie die „Fête de la Tulipe“ in Morges ganze Menschenmassen an, darunter natürlich auch den Blumenwanderer.

Man könnte nun ganz sachlich von „Schauapparat“ sprechen, den die Pflanze eben brauchen würde, um Insekten anzulocken. Er signalisiert den Bestäubern schon aus der Ferne das Vorhandensein von Nahrung wie Nektar oder Pollen. Da nun hinlänglich bekannt ist, dass Menschen keine Insekten sind und auch nicht unbedingt zwanghaft auf der Suche nach Nektar sind, muss unser Gehirn sonstwie darauf programmiert sein, gewisse Merkmale und Muster von Blumen als positiv zu bewerten. Offenbar wirken Farben und Düfte generell beruhigend auf die Psyche (die Diskussion über Dopamin, Oxytocin etc. lassen wir jetzt lieber beiseite). 

Zudem sind Blumen besonders für Menschen in zubetonierten Stadtlandschaften in ihren tristen Kastenwohnungen oft der letzte greifbare Bezugspunkt zur Natur, was ein Gefühl von innerem Frieden vermittelt. Der Blumenwanderer macht da keine Ausnahme, nur dass er unerklärlicherweise auch Blumen ohne „umwerfenden“ Schauapparat verehrt und – darf man das sagen? - auch die inneren Werte der Pflanzen schätzt!

so kennt und liebt man die traditionelle Tulpenschau. Hier zeigen Pflanzen,
welche Pracht sie entfalten können (wenn auch unter Mithilfe des Menschen).


sogar nahezu schwarze Tulpen gibt es hier

dann doch lieber die weissen!





die ausgefallensten Formen werden präsentiert...
mit krassen optischen Signalen.


während der Genfersee einen herrlichen Hintergrund abgibt




auch für Schatten ist gesorgt im Parc de l'Indépendence




ein Flammenmeer oder ganz nüchtern gesprochen:
eine Ansammlung von strukturellen Anlockungseinheiten
zur Maximierung der Fernwirkung.



und auf einmal das hier am Wegrand!
Auch wenn die Fernwirkung
dieser Anlockungseinheiten eher gering ist, ..

den Blumenwanderer zieht die schöne Ackerröte
 (Sherardia arvensis) dennoch in ihren Bann!




aber nein, nicht zurück zu den Tulpen geht es jetzt,
sondern auf Abwegen zu den Kleinen unserer Flora,
hier mit dem ursprünglich mediterranen
Moschus-Reiherschnabel (Erodium moschatum)
und natürlich dem Gänseblümchen (Bellis perennis),
welches auch eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten ist
kurz darauf ging ein Rasenmäher drüber,
aber die Pflanzen werden's überleben


auch den hier habe ich noch nie gesehen:
Stacheliger Schneckenklee (Medicago polymorpha)...

mit seinen schönen Nebenblättern.
Auch er ursprünglich mediterran.
Sein Ausbreitungsmechanismus sind seine
stacheligen Hülsen, die hier noch nicht
entwickelt sind.

und hier sind wir definitiv bei der Unkraut-Fraktion angelangt,
wobei der Blumenwanderer den Begriff Wildpflanzen bevorzugt:
Stachelfrüchtiger Hahnenfuss (Ranunculus muricatus).


ist doch spannend, aus der Nähe zu sehen, wie die
Kelchblätter dieser Art nach unten geschlagen sind!
seine typische Stachelfrucht

in der Lupenaufnahme wird ersichtlich,
dass die die Früchte einen Stachelbesatz aufweisen,
der einer doppelseitigen Haarbürste ähnelt
und vermutlich dafür sorgt, dass sich
die Früchte in Tierfell oder im Profil
von Autoreifen festsetzen können



die einjährige Art hat etwas fleischige, gelbliche Blätter. Sie hat sich hier einen Sekundärstandort erschlossen, denn in ihrem
ursprüngli­chen Areal bevorzugt sie feuchtere Standorte
wie eintrocknende Senken in  Ackerfurchen.




auch diese Art hat es adventiv bis an den
Arc lémanique geschafft, ist aber etwas
kokurrenzschwach und bevorzugt offenere Flächen
zur Ansiedlung
sie wirkt insgesamt nicht gerade wie eine Zierpflanze,
sondern eben wie ein Unkraut, doch kommen wir auch bei ihr zu den inneren Werten, denn die Schauwirkung
ihrer Blüten ist - mit Verlaub - gleich Null.

häufig fallen die kugeligen Früchtchen
mit ihren charakteristischen Höckern und Borsten
mehr ins Auge als die eigentlichen Blüten

die Blüten sind mit einem Durchmesser von nur 3-6
 Millimetern extrem klein und unterscheiden sich
 somit deutlich von den grossen, prachtvollen
Blüten anderer Hahnenfuss-Arten




gut zu sehen die schöne wollige Behaarung...





und die am Grund häutig verbreiterten Blattstiele.



diese sind nach dem Entfernen der Blättchen
besonders eindrücklich!


während viele Hahnenfuss-Arten feste
Blütenblattzahlen haben, schwankt die Anzahl
der gelben Kronblätter bei R. parviflorus
stark zwischen null und fünf.
Oft sind sie so winzig, dass sie kaum auffallen.

die Lupenaufnahme enthüllt auch hier die
herabgeschlagenen Kelchblätter!
Dadurch erhält die Blüte fast ein "zerzaustes" Aussehen.






hier wachsen die beiden oben beschriebenen Ranunculi direkt nebeneinander:
links parviflorus und rechts muricatus!


und was will der Blumenwanderer hier wieder
für ein Unkraut sehen?
es ist ein zierlicher Ehrenpreis mit weissen 
Blütchen aus Amerika, der das Wandern
schon im Namen trägt.

auch beim Wander-Ehrenpreis (Veronica peregrina)
 offenbaren sich die inneren Werte erst aus der Nähe
(Foto: Paul Hürlimann)

diese schöne Rosette gehört dem Acker-Frauenmantel (Aphanes arvensis).
Mittlerweile wird die Art aufgrund der intensivierten Landwirtschaft überall seltener.


hier hat auch diese rare indigene Art
einen Sekundärstandort gefunden an einer Stelle 
mit wenig Dauerbewuchs


es ist sozusagen der Star des Tages:
Steinquendel-Ehrenpreis (Veronica acinifolia),
von dem es in der Schweiz nur noch einen einzigen
 weiteren Fundort gibt!



die Art ist in der Schweiz akut vom Aussterben bedroht
(Foto: Paul Hürlimann)










Samstag, 25. April 2026

Et in Arcadia ego

Welch ein Naturparadies ist doch der Jura im April! Der Schnee hat den Narzissenfeldern Platz gemacht, die Bäume leuchten hellgrün auf, und auf den Kalkflühen beginnt es verhalten zu blühen.

Wer den Jura kennt, kennt auch seine Felsgebiete, welche als weithin leuchtende Kalkwände aus dem Waldkleid ragen oder als lichte Felsgrate die Höhen des Kettenjuras krönen. Bei näherer Erkundung erweisen sich Felszonen als vielgestaltig und äusserst artenreich. Da gibt es kompakte Felswände, Felsköpfe und Grate, felsige Abhänge, mergelige Steilhalden, Felsschutt in allen Abstufungen der Korngrösse - sowie mannigfache Übergänge zwischen diesen Bildungen. An den nordseitigen Felsabstürzen und Felsfüssen gibt es kühle Schattenzonen, welche floristisch mit den südexponierten Felspartien scharf kontrastieren. So kann der Beobachter beim Begehen schmaler Grate gelegentlich von ein und demselben Punkt aus Blicke in ganz verschiedene botanische Welten tun.

Und wenn dann als exquisite Rarität noch der Flaumige Seidelbast in nicht geringer Anzahl da und dort aus der Felsflur leuchtet und duftet, ist das bukolische Glück des Blumenwanderers vollkommen!


hinauf geht's dem Ziel entgegen


unterwegs leuchten mir
diese Günsel (Ajuga reptans) freundlich entgegen!
und auch diese da leuchtet am Wegrand,
doch irgendwie überirdisch:
Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus)

der Rote Holunder (Sambucus racemosa)
als filigranes Kunstwerk!
Wald-Veilchen (Viola reichenbachiana)

auf der Nordseite des Hügelzugs ist der Waldboden zu meiner Freude
bedeckt mit einem Teppich von Fieder-Zahnwurzen (Cardamine heptaphyllos)!



nach der Art ist nach Oberdorfer sogar ein Lebensraum
benannt, das Dentario-heptaphylli-Fagetum!



auch diese Unscheinbare blüht schon: das Moschusblüemli (Adoxa moschatellina),
rechts mit einem Rostpilz-Befall (Puccinia adoxae)







bald schon befinde ich mich in der bukolischen Parklandschaft direkt oberhalb des steilen Grates




hier beginnt es zu blühen:
links Stattliches Knabenkraut (Orchis mascula),
oben Mandel-Wolfsmilch (Euphorbia amygdaloides).





das Kleine Knabenkraut (Orchis morio) oben
ist nicht kleiner als das "Stattliche" Knabenkraut links!




typischerweise sind bei den Knabenkräutern die Blütenknospen
 vor dem Aufblühen von den Laubblättern umhüllt



doch was leuchtet da rosa an der Abbruchkante?


es ist sozusagen der Star des Tages:
der Flaumige Seidelbast (Daphne cneorum)!
die sehr seltene und gefährdete Art
verströmt einen unglaublich guten Duft!

Scheiden-Kronwicke (Coronilla vaginalis)


Berg-Täschelkraut (Thlaspi montanum)






ich geniesse die Farbensymphonie hier oben
mit all den Arten, die oft nur kleine Nischen besetzen,
wo ihnen die Lebensbedingungen zusagen.



weiter geht's auf dem Gratwägli


vorbei an Frühlings-Enzianen (Gentiana verna).



auch auf sowas trifft man hier:
der historische Grenzstein von 1788 zeigt,
dass die Republik Bern bis an die Grenze
zu Frankreich reichte!



der Färber-Ginster (Genista tinctoria)
blüht noch lange nicht




bereits ist auch...
die Felsenbirne (Amelanchier ovalis) aufgeblüht.

was das wohl wird?
Ich tippe mal auf die Schwalbenwurz
(Vincetoxicum hirundinaria)



das ist eindeutiger:
Schopfiger Hufeisenklee (Hippocrepis comosa)



wie geniesse ich doch diese
Kalkfelsköpfe, erst recht, wenn...


unter ihnen wie hier auch der Flaumige Seidelbast
heraufleuchtet. Irgendwo muss man aber entscheiden:
 bis hier und nicht weiter fürs Fotografieren!




die attraktive Art wurde in der Vergangenheit leider oft
durch Ausgraben an den Rand des Aussterbens gebracht.


hier nehme ich das Picknick ein,
umgeben nur von Naturgeräuschen
und vom Nelkenduft des Fluerösli


und bedenke den Spruch, den jemand hier oben
auf einer Steintafel hinterlassen hat

die zart-hellgrünen neuen Blättchen der Buchen
erstaunen mich jedes Jahr wieder, wie sie...
aus sich selbst heraus zu leuchten scheinen
und mit einem feinen, seidigen, silbernen Haarsaum
 am Blattrand überzogen sind, der sie vor späten
 Frösten und Austrocknung schützt.

Mehlbeerbaum (Sorbus aria)


nochmals verweile ich kurz im Gipfelbereich
und muss dann zurückkehren



Wiesen-Kreuzblume (Polygala vulgaris)


und direkt an der Felswand klebt
das Kugelschötchen (Kernera saxatilis)




Glatter Löwenzahn (Taraxacum laevigatum)


und auch das gibt's hier:
Immergrüner Bauernsenf (Iberis sempervirens)




die Wilde Birne (Pyrus pyraster) blüht





die Goldschlüsseli (Primula veris) blühen um die Wette


der Schluss gehört aber selbstverständlich dem zauberhaften Jurarösli!