Donnerstag, 9. Juli 2026

Eine bescheidene Blume

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné entdeckte das Moosglöckchen (Linnaea borealis) 1732 auf seiner berühmten Forschungsreise durch Lappland und war sofort davon fasziniert. Da es unüblich ist, Pflanzen nach sich selbst zu benennen, bat er seinen engen Freund und Gönner, den niederländischen Botaniker Jan Frederik Gronovius, die Namensgebung zu übernehmen. Gronovius widmete die Gattung Linnaea offiziell seinem Freund. Der Artname borealis bedeutet schlicht „nördlich“ und verweist auf das circumpolare Hauptverbreitungsgebiet der Pflanze.

Interessanterweise sah Linné in der kleinen, unaufdringlichen Pflanze eine Metapher für sein eigenes Leben! Er beschrieb sie mit den Worten: „... eine Pflanze in Lappland, niedrig, unbedeutend, missachtet, die nur kurze Zeit blüht – benannt nach Linnaeus, der ihr gleicht.“ Im unauffälligen Wuchs, der demütig-nickenden Blütenhaltung und im genügsamen Standort sah Linné offenbar eine Analogie zu seinem eigenen, anfangs einfachen Leben.

Auch wenn er das vielleicht mit einem Augenzwinkern schrieb, ist doch klar, dass das Moosglöckchen seine erklärte Lieblingspflanze war. Auf fast allen historischen Gemälden und Porträts hält er ein Exemplar des Moosglöckchens in der Hand. Als er 1757 vom schwedischen König in den Adelsstand erhoben wurde und den Namen Carl von Linné annahm, liess er das Moosglöckchen sogar als zentrales Element in sein offizielles Adelswappen integrieren!



zuerst mache ich einen Abstecher in ein südliches Land:
les Follatères bei Fully!

aber was wächst denn da völlig unauffällig
auf einem der vielen Rebwege?


erst die Blüte macht klar: es handelt
sich um den Burzeldorn (Tribulus terrestris)



auch er eine bescheidene Blume oder das,
 was man im Berndeutschen einen Bodesuri nennt.


die Nahaufnahme macht vollends klar, dass es sich um den Burzeldorn handelt
mit den namensgebenden stachligen Früchten (Foto: Paul Hürlimann)

auf den trockenen Wegen wächst auch dieses Gras...

und am Rande dieses Rebberges blüht es gar:
das Klettengras (Tragus racemosus)

und an einem Waldrand blüht gerade....
der Kamm-Wachtelweizen (Melampyrum cristatum)


eher unerwartet stelle ich fest, dass an diesem warmen Ort
auch die Douglasie (Pseudotsuga menziesii) gedeiht



häufig auch die Sprossende Felsennelke
(Petrorhagia prolifera)
schon auffälliger dagegen
die Nesselblättrige Glockenblume (Campanula trachelium)
weiter geht die Fahrt....

das Wallis hinauf auf abenteuerlichen Wegen
ins Val d'Anniviers. Hier ist es angenehm kühl.
Oben die schöne Meisterwurz (Peucedanum ostruthium).


hier ist der schattige Lebensraum
des Birngrüns (Orthilia secunda)....


und des Wald-Storchschnabels (Geranium sylvaticum). 


diese verdächtigen Blättchen
könnten auf eine Waldorchidee hindeuten


sie finden sich ab und zu an dieser moosigen Böschung
mit vielen Habichtskräutern



der Blumenwanderer scheint es heute mit den
unauffälligen, bescheidenen Blumen zu haben



denn auch das Kleine Zweiblatt (Listera cordata)
ist ein richtiger Bodensuri!



der Keilblättrige Steinbrech (Saxifraga cuneifolia)...
ist bereits abgeblüht.


schön diese rundlichen Blättchen sonder Zahl.
Diesmal eher keine Waldorchideen.



der Bach und die Höhe führen zu einem
frischen Klima auch im Sommer.


wieder diese Blättchen, sie hängen an ihren
Zweigen auch von einem Baumstrunk herab


hier kommt auch der Wald-Wachtelweizen
(Melampyrum sylvaticum) vor






nun ist alles klar: die verdächtigen Blättchen gehören 
zum Moosglöckchen (Linnaea borealis)!


Foto: Paul Hürlimann

wie geniesse ich diese leicht rosafarbenen, wohlriechenden
Glöckchen, wobei ich den grossen Linné hier
durchaus verstehen kann





ohne Worte














Mittwoch, 24. Juni 2026

Ungetrübten Naturgenuss...

und erst noch willkommene Abkühlung fand der Blumenwanderer kürzlich in der Schlucht eines Seitenbaches der Zulg; auch wenn er heute anders heisst, nennen wir ihn doch die "Kleine Zulg", wie das Richard Hopf tat, der 1967 folgenden Bericht über eines seiner Abenteuer veröffentlichte:

"Wo findet man heute noch ungetrübten Naturgenuss? Eine schöne Gegend nach der andern fällt dem Massentourismus und der Motorisierung zum Opfer. Kann man heute noch eine Bergtour unternehmen, ohne durch Flugzeuge aufgeschreckt zu werden? Kann man eine Wanderung machen, ohne sogar auf engsten Fusswegen durch Mopeds belästigt zu werden? .....Um so mehr schätzt es der wahre Naturfreund, sich in Gegenden bewegen zu können, die frei von diesen Störenfrieden sind. Ein solches Refugium ist das Gebiet der Kleinen Zulg. Hier findet er in den ausgedehnten Tannenwäldern, die ein grosses Gebiet von Gräben, Schluchten, Graten und Rippen wie ein Urwald bedecken, vollendeten Naturgenuss. Selbst der Flugzeuglärm ist hier gedämpft oder neben rauschenden Wassern überhaupt nicht zu hören. Auch muss hier niemand befürchten, in eine dicht gedrängte Menschenmenge hineinzugeraten. Es fehlen Sessellifte, Bergbahnen und Wirtschaften. Man muss aus eigener Kraft vorwärtskommen und unfreiwillige Fuss-oder sogar Vollbäder in Kauf nehmen.

Begeben wir uns also ins Gebiet der Kleinen Zulg! Wir erreichen es von Teuffenthal ob Thun aus. Eine Wanderung von zehn Minuten auf der kleinen Strasse nach Horrenbach bringt uns zur Brücke über die Kleine Zulg. Diese erhält ihr Wasser von vielen Bächen aus der Gegend der «Blume» und fliesst ziemlich genau nordwärts. Nach Aufnahme des Mettlen- und Pressernbaches, welche fast ebensoviel Wasser führen wie sie, erreicht die Kleine Zulg die Grosse unterhalb des Keistlisteges (Fusswegverbindung zwischen Schwarzenegg und Horrenbach) und verliert damit ihre Selbständigkeit."

Richard Hopf: Aus meinem Skizzenbuch - Im Gebiet der Kleinen Zulg ob Thun.
Aus: Die Alpen (SAC-Zeitschrift, 1967)


unterwegs mache ich einen Abstecher zum Bergkirchlein Buchen,
das 1928 vom Thuner Architekten Jacques Wipf erbaut wurde

es thront auf einer kleinen Hangterrasse
neben einer prächtigen, alten Linde hoch über dem Weiler Buchen


Blick hinüber auf den Buchholterberg, den Wohnort des Blumenwanderers
eindrückliches Muster am Stamm
der grossen Sommer-Linde
(Tilia platyphyllos)


das Bergkirchlein ist eine äusserst beliebte Hochzeitskirche




weiter geht die Fahrt über diese Holzbrücke.
Die Kleine Zulg ist hier erstaunlich breit



unterwegs sehe ich auch diese Orchideenart am Strassenrand:
Fuchs' Geflecktes Fingerwurz (Dactylorhiza maculata ssp. fuchsii)
und diese Blütenstände oben



zu meiner Überraschung steht hier der seltene
Kies-Steinbrech (Saxifrag mutata) zahlreich in Vollblüte!



die tieforangen Blüten verraten die Art eindeutig




der Kies-Steinbrech liebt Nagelfluhwände
in luftfeuchter, beschatteter Standortlage


seit jeher fühle ich mich zu dieser Art hingezogen!

hier wächst auch 
die Niedliche Glockenblume
(Campanula cochleariifolia)...
und das Rundblättrige Wintergrün
(Pyrola rotundifolia).

etwas abseits im Moos ist 
das Birngrün (Orthilia secunda) zu sehen
der Hain-Gilbweiderich (Lysimachia nemorum)
mit seinen zurückgebogenen Fruchtstielen

unglücklicherweise fallen bald erste Regentropfen und braut sich
ein Gewitter zusammen. Da der Regenradar verspricht,
dass es bald weiterzeiht, wage ich dennoch den Abstieg in die Schlucht

bald schon stosse ich auf diese unscheinbaren
Hexenkräutlein (Circaea alpina), die sich gerade
anschicken zu erblühen!


auch das Grosse Hexenkraut (Circaea lutetiana)
ist hier vertreten mit seine merkwürdigen Blüten,
die zwei tief eingeschnittene, weisse Blütenblätter aufweisen


eine Waldlichtung voller
Sumpf-Kratzdisteln (Cirsium palustre)


der Attich (Sambucus ebulus) könnte meinetwegen
auch Stink-Holunder heissen!



erstmals sehe ich hinab in die Schlucht, 
die hier erstaunlich breit ist


Gemeines Fettblatt (Pinguicula vulgaris)

wir sind unübersehbar im Gebiet der
"Gräben, Schluchten, Graten und Rippen",
die von einem Urwald bedeckt sind





auch eine ganz spezielle Art hier ist das
Gegenblättrige Milzkraut (Chrysosplenium oppositifolium)


wie könnte es anders sein:
auch hier unten ist der ideale Lebensraum des Kies-Steinbrechs!
Die Art findet sich meist nie weit weg vom Wasser.



die Pflanze stirbt nach dem Blühfest leider ab.

eine Besonderheit ist hier auch das dritte im Bunde der Hexenkräuter:
es ist deutlich grösser als das Kleine, blüht aber noch nicht:
das Mittlere Hexenkraut (Circaea ×intermedia)

hier steht nicht zu befürchten,
in eine dicht gedrängte Menschenmenge hineinzugeraten

und jeder Aussicht beraubt, bald auf eine Wirtschaft zu stossen,
verzehre ich andächtig das mitgenommene Brot und etwas Käse

und im Pool dieses Engnisses gab's zum Abschluss noch
im eiseskalten Flusswasser ein Vollbad, aber ein freiwilliges!