Dienstag, 12. Mai 2026

Orchideenbaden

Nein, nicht geht es hier um die Frage, wie man Zimmerorchideen am besten pflegt: giessen oder baden. Vielmehr war es der Blumenwanderer selbst, der ein Tauchbad nahm in der Fülle unserer wildwachsenden Orchideen! Der Gedanke dahinter: Wenn es ein Waldbaden gibt, dann vielleicht auch ein Orchideenbaden, d.h. ein bewusstes Eintauchen in die Atmosphäre eines natürlichen Lebensraums voller Exemplare dieser Pflanzenfamilie, um Stress abzubauen, das Immunsystem zu stärken und die Sinne durch achtsames Schlendern zu aktivieren.

Aber der Vergleich soll nicht überstrapaziert werden, eines ist aber wichtig: Sehen, Hören, Riechen und Fühlen des Lebensraums stehen im Vordergrund. Und das betrifft nicht nur unsere Orchideen, sondern noch so vieles mehr, was man um diese Maienzeit in der Natur erleben kann, so kürzlich am Neuenburgersee zu Füssen des Juragebirges.



dass es solche Orte in der Schweiz noch gibt,
und das Seeufer unverbaut!


und schon sind sie da, die Orchideen,
hier in Gestalt der faszinierenden
Hummel-Ragwurz (Ophrys fuciflora)


und hier massenhaft und eher unspektakulär:
der Ohnsporn (Aceras anthropophorum)


spektakulär finde ich dagegen die Vollblüte...
der Akelei (Aquilegia vulgaris).
alles andere als spektakulär hingegen
diese Orchideenart, wenn sie noch nicht blüht
der Dingel (Limodorum abortivum).


links das filigrane Blatt einer Hirschwurz
(Peucedanum cervaria) und oben?
Na ja, warten wir ab.....


ein Steinbruch aus römischen Zeiten macht einen nachdenklich



und immer wieder diese Juwelen,
die hier zu Hunderten gerade blühen



der Ohnsporn (Aceras anthropophorum) 
ist hier eine sehr verbreitete Orchideenart


Gemeine Kugelblume (Globularia bisnagarica)


unter einem Gebüsch die Blätter der verblühten
Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus)


und das ist der Lebensraum, der dem Blumenwanderer gefällt:
luege, lose, stuune!


diese Hummel-Ragwurz wies doch
tatsächlich zehn Einzelblüten auf!
aber auch so sind sie schön.


hier an wärmerer Stelle findet sich die Lösung des Rätsels von oben:
es ist der bildschöne Flügel-Ginster (Genista sagittalis)!


weiter geht's immer mal wieder mit Blick auf den See,
der zwischen dem Gebüsch glitzert und vorbei
an den Zeugen von Bahn 2000


Labkraut-Würger (Orobanche caryophyllacea)


Genfer-Günsel (Ajuga genevensis)


auch dieses Zeugnis von welschem Laissez-faire
kann man im Grünen hier bestaunen

und das Mittagessen nehme ich am Seeufer ein

beeindruckend, dass der Strand hier stellenweise
nur aus Muschelüberresten besteht, auch wenn
es Neobionten sind wie hier
die Körbchenmuschel (Corbicula fluminea)



im etwas schattigeren Bereich beeindruckt 
links die Hügel-Erdbeere (Fragaria viridis) und
oben der Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys)



auch eine Orchideenart findet sich hier, und zwar
links das Schwertblättrige Waldvögeli (Cephalanthera
longifolia). Oben der Sanikel (Sanicula europaea)
mit seinen kopfigen Döldchen.

links die Mandel-Wolfsmilch (Euphorbia amygdaloides)
und oben das hier allgegenwärtige
Immenblatt (Melittis melissophyllum)



auch die Strassenarchitektur hier beeindruckt mich

hier findet sich auch der seltene
Wendich (Calepina irregularis),
wenn auch schon abgeblüht
dafür umso beeindruckender 
die Weg-Rauke (Sisymbrium officinale)

der wärmeliebende
Schneeball-Ahorn (Acer opalus)


zuerst glaubte ich an eine Schlange,
doch ist es eine grosse Blindschleiche,
die mir da über den Weg kroch!


unterwegs traf ich auch auf mehrere Exemplare
dieses seltenen Archäophyten:
Echte Mispel (Mespilus germanica)

das Rosengewächs trägt essbare Früchte und wurde bereits früh kultiviert.
 Daher kann sein natürliches Verbreitungsgebiet
nicht mit Sicherheit angegeben werden.

und bei einem Abstecher auf der Heimfahrt
sah ich erstmals blühend zuletzt noch dies:
die unscheinbare, aber schöne
Viersamige Wicke (Vicia tetrasperma)


es bleiben schöne Erinnerungen an einen zauberhafte Frühlingstag









Samstag, 2. Mai 2026

Äussere und innere Werte

Was ist Schönheit? Darüber liesse sich nun trefflich philosophieren. Tatsache ist, dass die meisten Menschen Blumen als schön empfinden. Und so zieht denn eine Blumenschau wie die „Fête de la Tulipe“ in Morges ganze Menschenmassen an, darunter natürlich auch den Blumenwanderer.

Man könnte nun ganz sachlich von „Schauapparat“ sprechen, den die Pflanze eben braucht, um Insekten anzulocken. Er signalisiert den Bestäubern schon aus der Ferne das Vorhandensein von Nahrung wie Nektar oder Pollen. Da nun hinlänglich bekannt ist, dass Menschen keine Insekten sind und auch nicht unbedingt zwanghaft auf der Suche nach Nektar sind, muss unser Gehirn sonstwie darauf programmiert sein, gewisse Merkmale und Muster von Blumen als positiv zu bewerten. Offenbar wirken Farben und Düfte generell beruhigend auf die Psyche (die Diskussion über Dopamin, Oxytocin etc. lassen wir jetzt lieber beiseite). 

Zudem sind Blumen besonders für Menschen in zubetonierten Stadtlandschaften in ihren tristen Kastenwohnungen oft der letzte greifbare Bezugspunkt zur Natur, was ein Gefühl von innerem Frieden vermittelt. Der Blumenwanderer macht da keine Ausnahme, nur dass er unerklärlicherweise auch Blumen ohne „umwerfenden“ Schauapparat verehrt und – darf man das sagen? - auch die inneren Werte der Pflanzen schätzt!

so kennt und liebt man die traditionelle Tulpenschau. Hier zeigen Pflanzen,
welche Pracht sie entfalten können (wenn auch unter Mithilfe des Menschen).


sogar nahezu schwarze Tulpen gibt es hier

dann doch lieber die weissen!





die ausgefallensten Formen werden präsentiert...
mit krassen optischen Signalen.


während der Genfersee einen herrlichen Hintergrund abgibt




auch für Schatten ist gesorgt im Parc de l'Indépendence




ein Flammenmeer oder ganz nüchtern gesprochen:
eine Ansammlung von strukturellen Anlockungseinheiten
zur Maximierung der Fernwirkung.



und auf einmal das hier am Wegrand!
Auch wenn die Fernwirkung
dieser Anlockungseinheiten eher gering ist, ..

den Blumenwanderer zieht die schöne Ackerröte
 (Sherardia arvensis) dennoch in ihren Bann!




aber nein, nicht zurück zu den Tulpen geht es jetzt,
sondern auf Abwegen zu den Kleinen unserer Flora,
hier mit dem ursprünglich mediterranen
Moschus-Reiherschnabel (Erodium moschatum)
und natürlich dem Gänseblümchen (Bellis perennis),
welches auch eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten ist
kurz darauf ging ein Rasenmäher drüber,
aber die Pflanzen werden's überleben


auch den hier habe ich noch nie gesehen:
Stacheliger Schneckenklee (Medicago polymorpha)...

mit seinen schönen Nebenblättern.
Auch er ursprünglich mediterran.
Sein Ausbreitungsmechanismus sind seine
stacheligen Hülsen, die hier noch nicht
entwickelt sind.

und hier sind wir definitiv bei der Unkraut-Fraktion angelangt,
wobei der Blumenwanderer den Begriff Wildpflanzen bevorzugt:
Stachelfrüchtiger Hahnenfuss (Ranunculus muricatus).


ist doch spannend, aus der Nähe zu sehen, wie die
Kelchblätter dieser Art nach unten geschlagen sind!
seine typische Stachelfrucht

in der Lupenaufnahme wird ersichtlich,
dass die die Früchte einen Stachelbesatz aufweisen,
der einer doppelseitigen Haarbürste ähnelt
und vermutlich dafür sorgt, dass sich
die Früchte in Tierfell oder im Profil
von Autoreifen festsetzen können



die einjährige Art hat etwas fleischige, gelbliche Blätter. Sie hat sich hier einen Sekundärstandort erschlossen, denn in ihrem
ursprüngli­chen Areal bevorzugt sie feuchtere Standorte
wie eintrocknende Senken in  Ackerfurchen.




auch diese Art hat es adventiv bis an den
Arc lémanique geschafft, ist aber etwas
kokurrenzschwach und bevorzugt offenere Flächen
zur Ansiedlung
sie wirkt insgesamt nicht gerade wie eine Zierpflanze,
sondern eben wie ein Unkraut, doch kommen wir auch bei ihr zu den inneren Werten, denn die Schauwirkung
ihrer Blüten ist - mit Verlaub - gleich Null.

häufig fallen die kugeligen Früchtchen
mit ihren charakteristischen Höckern und Borsten
mehr ins Auge als die eigentlichen Blüten

die Blüten sind mit einem Durchmesser von nur 3-6
 Millimetern extrem klein und unterscheiden sich
 somit deutlich von den grossen, prachtvollen
Blüten anderer Hahnenfuss-Arten




gut zu sehen die schöne wollige Behaarung...





und die am Grund häutig verbreiterten Blattstiele.



diese sind nach dem Entfernen der Blättchen
besonders eindrücklich!


während viele Hahnenfuss-Arten feste
Blütenblattzahlen haben, schwankt die Anzahl
der gelben Kronblätter bei R. parviflorus
stark zwischen null und fünf.
Oft sind sie so winzig, dass sie kaum auffallen.

die Lupenaufnahme enthüllt auch hier die
herabgeschlagenen Kelchblätter!
Dadurch erhält die Blüte fast ein "zerzaustes" Aussehen.






hier wachsen die beiden oben beschriebenen Ranunculi direkt nebeneinander:
links parviflorus und rechts muricatus!


und was will der Blumenwanderer hier wieder
für ein Unkraut sehen?
es ist ein zierlicher Ehrenpreis mit weissen 
Blütchen aus Amerika, der das Wandern
schon im Namen trägt.

auch beim Wander-Ehrenpreis (Veronica peregrina)
 offenbaren sich die inneren Werte erst aus der Nähe
(Foto: Paul Hürlimann)

diese schöne Rosette gehört dem Acker-Frauenmantel (Aphanes arvensis).
Mittlerweile wird die Art aufgrund der intensivierten Landwirtschaft überall seltener.


hier hat auch diese rare indigene Art
einen Sekundärstandort gefunden an einer Stelle 
mit wenig Dauerbewuchs


es ist sozusagen der Star des Tages:
Steinquendel-Ehrenpreis (Veronica acinifolia),
von dem es in der Schweiz nur noch einen einzigen
 weiteren Fundort gibt!



die Art ist in der Schweiz akut vom Aussterben bedroht
(Foto: Paul Hürlimann)