Montag, 19. Oktober 2026

Ein See erblüht

Was dem Lokaltourismus abträglich ist, fördert den Botanik-Tourismus! Als im Sommer die Boote im neuenburgischen Lac des Brenets im trockenen Schlamm feststeckten, lagen sie bald schon auf einer grünen Pflanzenteppich. Dass hier Pflanzen spriessen, darunter auch seltene, Bienen summen und Insekten sich tummeln, ist eine Folge der Trockenheit, und geschah in den letzten Jahren immer öfter.

Die Erde unter der Oberfläche blieb jedoch feucht, und da sich hier Nährstoffe befinden, die seit Jahrzehnten unter dem See eingelagert wurden, ist der Seeboden sehr fruchtbar und war bald bedeckt mit frischem Grün. Und da der See auch die Grenze zu Frankreich bildet, ist diese Grenze nun halt grün. In der Mitte aber fliesst als Bach immer noch der Doubs.

Das Naturphänomen ist ebenso faszinierend wie beunruhigend. Es ist zwar historisch bekannt (wie etwa beim extremen Tiefstand im Jahr 1906), allerdings bereitet Sorge, das sich diese Episoden in den letzten Jahren – wie 2018, 2022, 2023 und aktuell 2026 – in immer kürzeren Abständen wiederholen. In diesem Jahr war auch der Blumenwanderer Zeuge davon, wie der folgende Beitrag zeigt.

unklar bleibt, wo eigentlich das Ufer des Lac des Brenets war
faszinierende Karsterscheinungen
aber was wächst da im dunklen Streifen?

es ist ein lupenreines Bidention, eine spezielle Pioniervegetation,
die hier vor allem durch den einjährigen, stickstoffliebenden
Dreiteiligen Zweizahn (Bidens tripartita) geprägt ist




daneben fallen auch solche Pflanzen auf:
es ist der Strahlende Zweizahn (Bidens radiata),
von dem es aber weniger hat
(Foto: Paul Hürlimann)




die Zweizahn-Samen sind sehr anhänglich
und pieksen überall
nach der Lupenaufnahme weiss ich auch weshalb:
Die 2 Pappusborsten sind mit Widerhaken besetzt!


links Bidens tripartita und rechts
Bidens radiata unterscheiden sich...

in diskreten Details im abgeblühten Zustand.
Oben igelartige Fruchtköpfe von Bidens tripartita.
(Foto: Paul Hürlimann)

Was blüht denn da zwischen den Zweizähnen?
das hat mich besonders gefreut, dass hier
eine Kolonie von Wasser-Rebendolden
(Oenanthe aquatica) vor sich hin blühen
die typischen Früchte
der Wasser-Rebendolde



sonst trifft man die Wasser-Rebendolden
wie hier (anderswo im See) vegetativ an
(Foto: Dominik Gerber) 
und noch der dritte Zweizahn im Bunde:
der Nickende Zweizahn (Bidens cernua)
(Foto: Dominik Gerber)

der Seeboden ist ansonsten flächendeckend mit 
Ampfer-Knöterich (Polygonum lapathifolium) besetzt
sehr häufig vertreten ist auch
das Sumpf-Ruhrkraut
(Gnaphalium uliginosum)


ein von Knöterich eingewachsenes Boot,
das hier nicht so schnell wieder
auf den Wellen schaukeln wird


bemerkenswert am Ufer eine grössere
Kolonie von Acker-Schöterich
(Erysimum cheiranthoides)
die schönen Pflanzen sehe ich ansonsten
gar nicht so häufig

nicht fehlen darf hier die allerdings gefährdete
Sumpf-Schafgarbe (Achillea ptarmica)
der bereits rötlich verfärbte
Vielsamige Gänsefuss (Chenopodium polyspermum)

SOS-Notsignal für den Lac des Brenets!

erstmals überhaupt sehe ich diese Pflanze:
es ist die seltene Spiessblättrige Melde
(Atriplex prostrata)
ihre unscheinbaren Blüten sind
in abstehenden Knäueln angeordnet


sowohl links wie oben ist der formenreiche
Rote Gänsefuss (Chenopodium rubrum) zu sehen


hier blüht der Strahlende Zweizahn noch...

und zwar neben einer Stelle, wo Faulgase aus
dem Boden austreten. Es empfiehlt sich nicht,
hierhin zu gehen, da man von selbst nicht mehr
aus dem Treibsand herauskommen dürfte!

in der Seemitte fliesst der Doubs als Bach.
Auf der anderen Seite ist bereits Frankreich!

 der extrem seltene Schlammling (Limosella aquatica)
 profitiert von den veränderten Bedingungen, ...
.
was den trockenfallenden Seeboden
 kurzzeitig in ein wichtiges Laboratorium
für Biodiversität verwandelte.

die offenbar zahlreich noch im Boden vorhandenen
Samen (auch von anderen Arten) ...
nutzen die Gunst der Stunde, um auf dem
temporär trockenfallenden Schlammboden
schnell auszukeimen und neue Samen zu bilden.

das Schlammkraut befindet sich in Vollblüte!
Die Einzelblüten sind indes sehr klein.
(Foto: Paul Hürlimann)

hier wächst wiederum ganz unscheinbar
die Spiessblättrige Melde (Atriplex prostrata)


Artenvielfalt auf dem feuchten Polygonboden:
Ruhrkraut, Schlammkraut, Zweizahn


hier noch eine weitere bemerkenswerte Art:
auch der Graugrüne Gänsefuss
(Chenopodium glaucum)...
liebt feuchte, nährstoffreiche Stellen.
(Foto: Paul Hürlimann)


an den konkurrenzarmen Stellen,
also dort, wo noch länger Wasser war...
(Foto: Dominik Gerber)


wächst Limosella sehr zahlreich, was aus der Ferne
anzusehen ist wie hellgrüne Salatköpfe!



hier ist das Wasser erst kürzlich gewichen

sofort stellen sich aber die ersten
Pioniere ein: Gemeiner Froschlöffel
(Alisma plantago-aquatica)
(Foto: Dominik Gerber)



Dreiteiliger Zweizahn (Bidens tripartita)
am Anfang der Blüte



Spreizender Wasserhahnenfuss
(Ranunculus circinnatus cf.)

hier rätselte ich einige Zeit,
aber auch das ist der Rote Gänsefuss
(Chenopodium rubrum)!


auf den Schlickschollen findet sich
zu guter Letzt massenhaft...

eine der grössten Raritäten hier:
das Grubige Sternlebermoos (Riccia cavernosa).
Die in der Schweiz vom Aussterben bedrohte Art
gilt hier als die eigentliche Sensation.