Mittwoch, 24. Juni 2026

Ungetrübten Naturgenuss...

und erst noch willkommene Abkühlung fand der Blumenwanderer kürzlich in der Schlucht eines Seitenbaches der Zulg; auch wenn er heute anders heisst, nennen wir ihn doch die "Kleine Zulg", wie das Richard Hopf tat, der 1967 folgenden Bericht über eines seiner Abenteuer veröffentlichte:

"Wo findet man heute noch ungetrübten Naturgenuss? Eine schöne Gegend nach der andern fällt dem Massentourismus und der Motorisierung zum Opfer. Kann man heute noch eine Bergtour unternehmen, ohne durch Flugzeuge aufgeschreckt zu werden? Kann man eine Wanderung machen, ohne sogar auf engsten Fusswegen durch Mopeds belästigt zu werden? .....Um so mehr schätzt es der wahre Naturfreund, sich in Gegenden bewegen zu können, die frei von diesen Störenfrieden sind. Ein solches Refugium ist das Gebiet der Kleinen Zulg. Hier findet er in den ausgedehnten Tannenwäldern, die ein grosses Gebiet von Gräben, Schluchten, Graten und Rippen wie ein Urwald bedecken, vollendeten Naturgenuss. Selbst der Flugzeuglärm ist hier gedämpft oder neben rauschenden Wassern überhaupt nicht zu hören. Auch muss hier niemand befürchten, in eine dicht gedrängte Menschenmenge hineinzugeraten. Es fehlen Sessellifte, Bergbahnen und Wirtschaften. Man muss aus eigener Kraft vorwärtskommen und unfreiwillige Fuss-oder sogar Vollbäder in Kauf nehmen.

Begeben wir uns also ins Gebiet der Kleinen Zulg! Wir erreichen es von Teuffenthal ob Thun aus. Eine Wanderung von zehn Minuten auf der kleinen Strasse nach Horrenbach bringt uns zur Brücke über die Kleine Zulg. Diese erhält ihr Wasser von vielen Bächen aus der Gegend der «Blume» und fliesst ziemlich genau nordwärts. Nach Aufnahme des Mettlen- und Pressernbaches, welche fast ebensoviel Wasser führen wie sie, erreicht die Kleine Zulg die Grosse unterhalb des Keistlisteges (Fusswegverbindung zwischen Schwarzenegg und Horrenbach) und verliert damit ihre Selbständigkeit."

Richard Hopf: Aus meinem Skizzenbuch - Im Gebiet der Kleinen Zulg ob Thun.
Aus: Die Alpen (SAC-Zeitschrift, 1967)


unterwegs mache ich einen Abstecher zum Bergkirchlein Buchen,
das 1928 vom Thuner Architekten Jacques Wipf erbaut wurde

es thront auf einer kleinen Hangterrasse
neben einer prächtigen, alten Linde hoch über dem Weiler Buchen


Blick hinüber auf den Buchholterberg, den Wohnort des Blumenwanderers
eindrückliches Muster am Stamm
der grossen Sommer-Linde
(Tilia platyphyllos)


das Bergkirchlein ist eine äusserst beliebte Hochzeitskirche




weiter geht die Fahrt über diese Holzbrücke.
Die Kleine Zulg ist hier erstaunlich breit



unterwegs sehe ich auch diese Orchideenart am Strassenrand:
Fuchs' Geflecktes Fingerwurz (Dactylorhiza maculata ssp. fuchsii)
und diese Blütenstände oben



zu meiner Überraschung steht hier der seltene
Kies-Steinbrech (Saxifrag mutata) zahlreich in Vollblüte!



die tieforangen Blüten verraten die Art eindeutig




der Kies-Steinbrech liebt Nagelfluhwände
in luftfeuchter, beschatteter Standortlage


seit jeher fühle ich mich zu dieser Art hingezogen!

hier wächst auch 
die Niedliche Glockenblume
(Campanula cochleariifolia)...
und das Rundblättrige Wintergrün
(Pyrola rotundifolia).

etwas abseits im Moos ist 
das Birngrün (Orthilia secunda) zu sehen
der Hain-Gilbweiderich (Lysimachia nemorum)
mit seinen zurückgebogenen Fruchtstielen

unglücklicherweise fallen bald erste Regentropfen und braut sich
ein Gewitter zusammen. Da der Regenradar verspricht,
dass es bald weiterzeiht, wage ich dennoch den Abstieg in die Schlucht

bald schon stosse ich auf diese unscheinbaren
Hexenkräutlein (Circaea alpina), die sich gerade
anschicken zu erblühen!


auch das Grosse Hexenkraut (Circaea lutetiana)
ist hier vertreten mit seine merkwürdigen Blüten,
die zwei tief eingeschnittene, weisse Blütenblätter aufweisen


eine Waldlichtung voller
Sumpf-Kratzdisteln (Cirsium palustre)


der Attich (Sambucus ebulus) könnte meinetwegen
auch Stink-Holunder heissen!



erstmals sehe ich hinab in die Schlucht, 
die hier erstaunlich breit ist


Gemeines Fettblatt (Pinguicula vulgaris)

wir sind unübersehbar im Gebiet der
"Gräben, Schluchten, Graten und Rippen",
die von einem Urwald bedeckt sind





auch eine ganz spezielle Art hier ist das
Gegenblättrige Milzkraut (Chrysosplenium oppositifolium)


wie könnte es anders sein:
auch hier unten ist der ideale Lebensraum des Kies-Steinbrechs!
Die Art findet sich meist nie weit weg vom Wasser.



die Pflanze stirbt nach dem Blühfest leider ab.

eine Besonderheit ist hier auch das dritte im Bunde der Hexenkräuter:
es ist deutlich grösser als das Kleine, blüht aber noch nicht:
das Mittlere Hexenkraut (Circaea x intermedia)

hier steht nicht zu befürchten,
in eine dicht gedrängte Menschenmenge hineinzugeraten

und jeder Aussicht beraubt, bald auf eine Wirtschaft zu stossen,
verzehre ich andächtig das mitgenommene Brot und etwas Käse

und im Pool dieses Engnisses gab's zum Abschluss noch
im eiseskalten Flusswasser ein Vollbad, aber ein freiwilliges!


















Donnerstag, 28. Mai 2026

auf Schatzsuche in Sibirien....

war der Blumenwanderer schon vor einem Jahr (siehe den Beitrag vom 13. Juli 2025). Jetzt hat er nochmals einige Perlen gefunden, jedoch nicht als Flussperlenfischer in Russland, wie man sich leicht denken kann, sondern als „Passioné de Botanique“ im schweizerischen Sibirien, also im Tal von La Brévine. Erst auf den zweiten Blick erschliessen sie sich dem geneigten Betrachter, und so zeigt sich einmal mehr, dass es vor der grossen Kulisse auch kleine Naturschätze zu finden gibt.

Für den verehrten John Muir lag das höchste Gut der Natur in ihrer Schönheit, die sie uns schenkt; sie war ihm spirituelle Heimat mit einem Eigenwert, den es um ihrer selbst willen zu bewahren gilt. Muir war überzeugt, dass die Natur tiefe innere Ruhe schenkt, Sorgen vertreibt und den Geist reinigt. Zu seinen berühmtesten Einsichten zählt: „Auf jedem Spaziergang in der Natur erhält man weit mehr, als man sucht“. Und ebenso erging es auch diesmal dem Blumenwanderer auf einem unvergesslichen Pfingstausflug in den unvergleichlichen Jura.


typische Juralandschaft mit ihren Hügelzügen und Synklinalen


direkt am Weg an geschützter Stelle
finde ich den Österreicher Ehrenpreis
(Veronica austriaca)



dass die vom Aussterben bedrohte Art 
schon im Mai aufblüht, ist doch eher aussergewöhnlich





dieses osteuropäische Florenelement ist in Mitteleuropa
 nur sehr zerstreut und disjunkt verbreitet


nebenan gab's was zu futtern:
Kümmel (Carum carvi)



hier auch zahlreich die Warzen-Wolfsmilch
(Euphorbia verrucosa)




 langgezogene Kuppe, welche von Fettwiesen umgeben wird


auf dem steinigen, mageren Boden hier, wo die Kühe kaum weiden mögen,
wächst eine gelbblühende Art, die einen gewissen Duft verströmt



es ist der lange gesuchte
Niederliegende Geissklee (Cytisus decumbens)


daneben auch eine alte Bekannte:
Männliches Knabenkraut (Orchis mascula)


aber dass hier der Geissklee so massenhaft auftritt,
erstaunt mich schon. Im Gegensatz zum ähnlichen
Behaarten Ginster ist er abstehend behaart.


das Feld-Stiefmütterchen (Viola tricolor)
für einmal einfarbig


aber schnell wandert der Blick wieder zurück
zum niederliegenden Hülsenfrüchtler




hier findet man auch einen weiteren Seltling,
aber erst in den allerersten Knospen:
Schwertblättrige Platterbse (Lathyrus bauhinii)


ein Abstecher an die französische Grenze
macht mir die reiche Geschichte
des Gebietes bewusst


dies hier ist kein Geissklee, wohl aber
der ebenso schöne Hufeisenklee (Hippocrepis comosa)!




aber was leuchtet da Blaues dazwischen?


nach eingehender Beschäftigung komme ich zum Schluss,
dass es die lange gesuchte Kalk-Kreuzblume
(Polygala calcarea) sein muss!


daneben auch diese Augenweide:
Schlangen-Knöterich (Polygonum bistorta)

ein toller Schlusspunkt war die Auffindung
der Kalk-Kreuzblume mit ihren zahlreichen Tuffs
die Art mit ihrem lebhaften Blau
gilt in der Schweiz als stark gefährdet