Montag, 5. Oktober 2026

Auf wüsten Plätzen

Wenn man z.B. in der "Flora von Mitteleuropa" von Hegi auf den Hinweis stösst, dass eine Pflanzenart "auf wüsten Plätzen" wachse, dann ist damit nicht gemeint, dass es eine Wüstenpflanze sei noch ist damit ein ästhetisches Urteil gefällt. Vielmehr meint er damit, dass es sich um eine sog. Ruderalpflanze handle oder umgangssprachlich schlicht ein Unkraut. Diese Arten sind damit jedoch nicht per se uninteressant, und man kann sich denken, dass der Blumenwanderer sie gerade deshalb äusserst spannend findet, denn diese Arten zeichnen sich durch verschiedene erstaunliche Überlebensstrategien aus:

  • Pioniercharakter: Sie besiedeln oftmals als Erste nackten, gestörten oder frisch aufgeworfenen Boden.
  • Hohe Anpassungsfähigkeit: Sie kommen mit extremen Bedingungen wie Hitze, Trockenheit, Bodenverdichtung oder starker Sonneneinstrahlung zurecht.
  • Schnelle Vermehrung: Sie produzieren meist sehr viele Samen, die oft jahrelang im Boden überdauern können.
Der Blumenwanderer hegt sogar eine besondere Vorliebe und Bewunderung für solche Arten, und so ist es nicht erstaunlich, dass er sich entgegen seinen üblichen Vorlieben für wildromantische Orte doch immer mal wieder auch auf Schuttplätzen, Baulücken, Bahndämmen, Abbruchgeländen, Schutt-und Müllplätzen, ungepflegten Strassenrändern und Kreiseln, Brachflächen, Kiesgruben und Bahnanlagen herumtreibt. Und wenn man Glück hat, trifft man hier nicht nur auf Brennnesseln, Wegwarten und die üblichen "Studeren", sondern auch auf Spezielleres, so geschehen diesen Spätsommer in der Talebene des Mittelwallis.


kann das sein, dass man im Wallis 
am Strassenrand Bärlapp findet?


der Blumenwanderer sollte es ja wirklich besser wissen:
das ist doch das seltene Knorpelkraut,
das zu einer ganz anderen Pflanzengruppe gehört!



die nähere Untersuchung ergibt, dass es nicht das Acker-Knorpelkraut ist,
wie zuerst vermutet, sondern das ganz ähnliche
Grosse Knorpelkraut (Polycnemum majus)

hier wird von einem unerwünschten
Immigranten aus Fernost gewarnt


dies religiöse Tier hier ist aber unverdächtig,
will sagen: ist keine Hierodula transcaucasica,
sondern eine Gottesanbeterin (Mantis religiosa)


was wächst denn da Stachelichtes unter dem futuristischen Bogen?
(Foto: Paul Hürlimann)



es ist das Kali-Salzkraut (Salsola tragus), eine ursprünglich
in Osteuropa und Zentralasien heimische Steppenpflanze


Massenvorkommen (rötliche Pflanzen) des Kali-Salzkrauts am Rottendamm (Foto: P. Hürlimann)

seine weitgehend reifen geflügelten Früchte
die Art ist auch einer
einer der bekanntesten Steppenläufer


hier ein weiteres Fuchsschwanzgewächs aus Asien:
die Besen-Radmelde (Bassia scoparia)
zwischen Strasse und Rebmauer


und da ein so richtig ruderaler Ort mit einem stählernen Elefanten à la Tinguely

unter dem Rüssel wenig erstaunlich auch wieder
das Kali-Salzkraut an masse....

aber da wächst noch anderes...

wie z.B. die Graukresse (Berteroa incana) im Massenbestand.

Szenenwechsel: eine Brachfläche bei Raron 


hier wächst der formschöne Rote Gänsefuss
(Chenopodium rubrum)



die Art ist in der übrigen Schweiz
sehr selten und geschützt
hier auch der nicht gerade häufige
Graugrüne Gänsefuss (Chenopodium glaucum)


auch nebenan auf einem Flurweg ist der Rote Gänsefuss vertreten 
(hier neben Chenopodium album), wenn auch als Kümmerform:
die Art ist morphologisch sehr variabel und reagiert extrem sensibel
auf Umweltreize wie Tageslänge, Lichtintensität und Nährstoffangebot

wiederum ein toller Ruderalstandort!


es war sehr eindrücklich für mich,
dass der Gestreifte Gänsefuss (Chenopodium strictum)
hier quasi aus dem Asphalt heraus wächst 
und dennoch solch mannshohe Sträucher bildet



an anderer, aber nicht minder verkehrsreicher Stelle
finden sich diese roten Sternchen, für die es aber
gute Augen braucht: Kleines Tausendgüldenkraut
(Centaurium pulchellum)



dort sieht man auch gelbe Sternchen:
Spätblühender Bitterling (Blackstonia acumiata)



nebenan auch Ruten-Knorpelsalat
(Chondrilla juncea)...
und Schwarznessel (Ballota nigra).

wieder so ein lärmiger, staubiger Unort

was will der Blumenwanderer hier denn wieder sehen?

es ist schon wieder ein Gänsefuss, den man
leicht an seinem Fischgeruch bestimmen kann
Stinkender Gänsefuss (Chenopodium vulvaria),
ein sehr seltener Vertreter seiner Zunft.

daneben kaum mehr zu erkennen:
Trauben-Gamandere (Teucrium botrys)

und zu guter Letzt gleich nochmals
ein Gänsefuss, den man nicht oft sieht:
Feigenblättriger Gänsefuss
(Chenopodium ficifolium).













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Sonntag, 20. September 2026

es herbschtelet...

und so ging der Blumenwanderer wieder seinem lieben Herbsthobby nach, dem Auffinden von neuen Fundorten der Wendelähre. Diesmal wurde die Suche beim Durchstreifen von Weiden oberhalb von Brienz im Berner Oberland auch zu einer kleinen Bestandesaufnahme all dessen, was immer noch (oder erst recht!) blüht in dieser schönen Gegend.


schon die Anreise lässt einen eintauchen in einer rurale Märchenlandschaft


jede Weide hat ihren eigenen Stall bzw. Heuschober


nicht lange dauert es, so kommen auch schon die Gesuchten
 in Sicht, die Herbst-Wendelähren (Spiranthes spiralis),
eine leider nur selten anzutreffenden Orchideenart


auf dieser Feld-Wittwenblume (Knautia arvensis)
 sitzt eine nahezu schwarze Hummel


Grosse Brunelle (Prunella grandiflora)



jetzt ist auch die Hochsaison...

des Doldigen Habichtskrauts (Hieracium umbellatum).
Rechts davon der Teufelsabbiss (Succisa pratensis).


stellenweise färbt das Habichtskraut die Matten gelb!


immer wieder hebt man gerne den Blick


zahlreich sind auch die noch blühenden
Hauhecheln (Ononis repens) und...

Skabiosen-Flockenblumen
(Centaurea scabiosa).

was gibt denn das hier?


Fliegenpilz (Amanita muscaria) jung und alt!

Echtes Labkraut (Galium vernum)

wie die Pilze auch sie ein Zeichen des Herbstes:
Herbst-Zeitlosen (Colchicum autumnale)


die grösste gefundene Wendelähre
mass fast 30 cm!
der Blütenstängel erscheint immer
neben der neuen Rosette!

hier wächst sie mal in Gesellschaft
des Thymians


viele Wendelähren sind schon am Abblühen


erstaunlicherweise setzt die Wiesensalbei
(Salvia pratensis) nochmals zur Blüte an


sie jedoch ist eine typische Herbstblüherin:
die Goldrute (Solidago virgaurea)
macht ihrem Namen Ehre!


Wiesen-Augentrost (Euphrasia rostkoviana)


um diese Zeit meist flächendeckend auftretend:
Blutwurz (Potentilla erecta)


ein typisches Herbstkind ist auch
die Besenheide (Calluna vulgaris)


die Silberdistel (Carlina acaulis) zeigt
den sommerwarmen, beweidete Magerrasen an


die Wendelähre besiedelt gerne Trockenrasen,
die regelmäßig von Schafen beweidet werden.
und von diesen gibt es hier so einige.

die Schatten werden länger

um den Stall wachsen der Gute Heinrich
(Chenopodium bonus-henricus) und...


der Ausgerandete Amarant (Amaranthus emarginatus),
während im Hintergrund eine Kuh sich
am aufgehängten Salzleckstein gütlich tut


das war ein schöner Nachmittag!