Donnerstag, 21. November 2019

an die Scientia amabilis*

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb' entzunden,
Hast mich in eine beßre Welt entrückt!

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf' entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir
Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür!


Wie dies Schuberts bekanntes Loblied "An die Musik" ausdrückt, so entrückt auch die Natur mit ihren Wundern und Stimmungen den Blumenwanderer immer wieder in eine "bessre Welt".
Die Botanik als Fluchtinsel, von der aus man die graue(nhafte) und chaotische Welt betrachtet?
So ist es nicht gemeint. Nicht in eine schöne Idylle führt uns die Botanik, aber verstanden als "Liebenswerte Wissenschaft" kann sie uns zum Staunen bringen über eine Schöpfung, die ebenso abwechslungsreich ist wie die Musik, zur Liebe zu allem Lebendigen und vielleicht zur Erkenntnis, dass das alles als ein Beseeltes es verdient, erhalten zu werden.

In einigen "grauen Stunden" spät im Jahr hat der Blumenwanderer ein paar liegengebliebene Aufnahmen ausgewählt, die alle in diesem Jahr im Kanton Bern (Schweiz) entstanden sind.  Zumindest er selber spürte dabei den Nachhall einer reichen Blumensaison und das Nachglühen beglückender Erlebnisse. Vielleicht vermag das so entstandene Sammelsurium, auch mit Arten ausserhalb des Rahmens des "Trivialen", noch das Interesse des einen und anderen
Naturfreundes zu wecken.


* der lateinische Begriff "Scientia amabilis" bedeutet auf Deutsch "liebenswerte Wissenschaft".
 Der Ausdruck wurde 1767 vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné geprägt.



schon im Jänner fand der Blumenwanderer die ersten blühenden Leberblümchen (Hepatica nobilis) ....

bei Ralligen am Thunersee. Hier das Gut gleichen Namens mit dem markanten Kastanienbaum (Castanea sativa),
der seither leider umgestürzt ist.






im Vorfrühling gibt es ganze Wiesen voller
Schneestolz (Chionodoxa luciliae) zu bewundern,
die mir das Herz "zu warmer Lieb' entzünden"


desgleichen entfaltet der Winterling (Eranthis hyemalis) einen "süssen, heiligen Akkord"
und der Elfen-Krokus (Crocus tommasinianus) erschliesst mir "den Himmel bessrer Zeiten".
Das Art-Epitheton ehrt den aus Triest stammenden österreichisch-ungarischen Politiker und Botaniker
 Mutius Joseph Spiritus Ritter von Tommasini (1794–1879),
der sich um die Erforschung der Flora von Dalmatien verdient gemacht hat.

Salweide (Salix caprea) als eine der ersten "Bienenweiden"


später im Jahr erscheint ....

eine unserer grössten heimischen Orchideen.

es ist das wunderschöne
Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea)

diese Aufnahmen stammen alle vom selben....


kleinen Bestand im Mittelland
und zeigen schön, ....

wie variabel diese Art in der Färbung der Blüten
und insbesondere in der Ausgestaltung der Lippe ist.





schwer zu sagen, zu welcher Art diese Grundblätter gehören,
die zugleich Schwimmblätter sind

hier wird es klarer: es muss sich um die
amphibisch lebende Sumpfpflanze
Gift-Hahenfuss (Ranunculus sceleratus) handeln.

welch aussergewöhnliche Pracht können auch ganz gewöhnliche Pflanzen
verströmen wie die Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias) ...

und die Hänge-Segge (Carex pendula).

Kriech-Gämswurz (Doronicum pardalianches)


auch vom Auto aus kann man
schöne Orchideen sehen, so hier....

das Helm-Knabenkraut (Orchis militaris)....





oder dieses Waldvögeli-Eldorado (Cephalanthera longifolia).

im Kanton Bern nicht häufig:
der Ohnsporn (Aceras anthropophorum)


ganze Wiesen voller Hallers Schaumkresse
(Cardaminopsis halleri) sind auch nicht
ein alltägliches Bild im Bernbiet
sie gehört zu den Kreuzblütlern



Hallers Schaumkresse ist besonders schwermetallverträglich. Da sie die Schwermetalle (wie etwa Blei, Cadmium, Nickel und Zink) auch in die Blätter einlagert – wohl um für Fressfeinde ungenießbar zu werden oder gegen Krankheitserreger besser geschützt zu sein – wird sie auch zur Reinigung von schwermetallverseuchten Böden eingesetzt.

die Moschus-Erdbeere (Fragaria moschata) wurde früher angebaut,
ist aber heute eine Seltenheit, da sie
von den Kultursorten der Gartenerdbeere verdrängt wurde



das Garten-Geissblatt (Lonicera caprifolium) wächst als Liane (!)
mehrere Meter die Bäume hoch. Seine Blüten verströmen in den
Abendstunden einen süsslichen Geruch, um Nachtfalter anzulocken.





bei einem Spaziergang entlang der Aare zwischen
Thun und Bern lässt einen ab und zu
der Echte Steinsame (Lithospermum officinale) niederknien



zum Niederknien schön ist auch diese Muskatellersalbei (Salvia sclarea),
die vor dem Herrenhaus Schwand bei Münsingen gerade von einer mächtigen Holzbiene angeflogen wird

Gruppe von Gelben Schwertlilien (Iris pseudacorus) in einem Weiher
direkt an der Autobahn bei Heimberg


an einem vom Blumenwanderer schon tausendmal
begangenen Ort entdeckt er erstmals diese Orchidee:
Grosses Zweiblatt (Listera ovata)




diese Aufnahme entstand unter Gefahren, da der auf ihr
sichtbare Flügel-Ginster (Genista sagittalis)
direkt an der Strasse wuchs





doppelte Ueberraschung neben einem Schuppen
bei Belp: Osterluzei (Aristolochia clematitis) und ....
Löwenschwanz (Leonurus cardiaca)!





dieses Mösli im Mittelland, aus dem die folgenden
 Fotos stammen, ist einfach zu schön:
links Gymnadenien am Aufblühen und oben
Fleisch-Fingerwurz (Dactylorhiza incarnata)

Natterzunge (Ophioglossum vulgatum)

Weiss-Brunelle (Prunella laciniata) in den letzten Blüten

und der Star dort,  ....

der auch direkt am Spazierweg blüht:


die Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera)





toll, dass es im Mittelland noch solche Getreidefelder gibt:
Kornblume (Centaurea cyanus)

Klatsch-Mohn (Papaver rhoeas), der uns seit der Steinzeit
als Kulturbegleiter nachfolgt,
und dies hoffentlich noch lange tut!
hier im Hochsommer endet die Bilderserie und wird
im Dezember mit den Aufnahmen vom Sommer
bis in den Herbst fortgesetzt!








Sonntag, 10. November 2019

ein Daumen zum Staunen

mit der Seilbahn bis zur Mittelstation fahren, alsdann gemächlich zum Gipfel hochwandern: das hat der Blumenwanderer dieses Jahr gleich bei mehreren stotzigen Bergen praktiziert. Das Verfahren hat sich bewährt, kommt so doch der "Schweinehund" in ihm zum Zuge, der nicht mehr wandern will als nötig, und gleichzeitig der Botaniker zu seinem Recht, der soviel Zeit wie möglich bei den alpinen Pflanzen verbringen möchte!

Auf einer derartigen Wanderung auf den "Stögu", wie das Stockhorn in Thun und Umgebung genannt wird, konnte der Blumenwanderer über so manche faszinierende Alpenpflanze staunen. Schliesslich wurde der Gipfel, dessen Liechtli ihm seit der Kindheit ein nächtlicher Fixpunkt ist, einmal von der Stockhornbahn mit dem flapsigen Slogan "der Daumen zum Staunen" beworben.



bereits am 30. Juni 2015  hat der Blumenwanderer
einen Beitrag zum Stockhorn veröffentlicht.
Diesmal geht er etwas früher hinauf - und findet die letzten Schneereste!

kurz nach der Mittelstation findet man
bereits die erste spezielle Art:
Alpenrachen (Tozzia alpina)

mit einem holoparasitischen Jugend- und einem
hemiparasitischen Blühstadium verbindet
diese Art Halb- und Vollschmarotzer

einige feuchte Matten sind grad weiss
vom Eisenhut-Hahnenfuss (Ranunculus aconitifolius)

auf Kalkschutt wächst gerne der Leberbalsam (Erinus alpinus)



zwei weitere Kalkbesiedler sind links
das Felsen-Kugelschötchen (Kernera saxatilis)
und oben die Alpen-Wachsblume (Cerinthe glabra)



stimmiges Ensemble aus Steinquendel, Sonnenröschen und Mauerpfeffer

durchquert man die subalpinen Nadelwälder
kann man zwei unscheinbaren Orchideenarten
begegnen: Kleines Zweiblatt (Listera cordata)

Korallenwurz (Corallorhiza trifida),
noch in den Knospen


Frühlings-Enzian (Gentiana verna)


Gelbes Berg-Veilchen (Viola biflora)


damit hatte ich nicht gerechnet:
Holunder-Fingerwurz (Dactylorhiza sambucina)



damit schon eher: Manns-Knabenkraut (Orchis mascula)

davor weniger augenfällig:
die Hohlzunge (Coeloglossum viride)


zwei Blaublüter: Alpen-Vergissmeinnicht (Myosotis alpestris)

Herzblatt-Kugelblume (Globularia cordifolia)


in einer Baumlücke erscheint der Gantrisch von hinten...

und auf der anderen Seite das Oberstockeseeli.
gegen Ende des Strüssligrats erhebt sich der Stögu-Gipfel:
von hier aus gesehen ähnelt er eher einem Zahn denn einem Daumen.


doch vor dem Schlussanstieg wird eine Zwischenrast gehalten!
Da fliegt auf einmal eine Dohle auf meine Beine.
Die Bettlerin erhält ein paar Rosinen.






nachdem sie mit hängenden Beinen von dannen geflogen ist,
kann ich rastenderweise neben mir gleich weiterfotografieren:
Blattloser Ehrenpreis (Veronica aphylla) und ....
auf der anderen Seite leuchtet mir
die Kalk-Polsternelke (Silene acaulis) entgegen.

beim Weitergehen gerät man direkt an den Fuss
des Stockhorns, das aus einer fast senkrecht
aufgestellten Gesteinsplatte besteht

Buntes Läusekraut (Pedicularis oederi)


Alpen-Fettblatt (Pinguicula alpina)
unten Gämskresse (Pritzelago alpina) und
Alpen-Hahnenfuss (Ranunculus alpestris)

da dies kleine Ding mir so gefällt,
mache ich ein paar Fotostudien
es ist die Faltenlilie (Lloydia serotina), die seit
2009 zur Gattung Gagea (Gelbsterne) gezogen wird


auch beim deutschen Namen ist einiges schiefgelaufen:
weder ist das zarte Tülpchen spät dran, ....


noch weist es in seiner makellosen Schönheit
irgendwelche Falten auf!

Faltenlilien im Bestand




Gelbes Alpen-Stiefmütterchen (Viola lutea)

die Strauss-Glockenblume (Campanula thyrsoides)
schickt sich gerade an,
ihren phänomenalen Blütenstand zu entwickeln






beim Gipfelbereich angelangt,
bemerkt der geneigte Wanderer
das Stockhorn-Kleinod

ein wirklicher Schmuck der Kalkfelsen hier oben ist
der Steinschmückel (Petrocallis pyrenaica).
Ich sehe diese Art zum ersten Male blühend!


um den relativ früh blühenden Steinschmückel
"in bloom" zu sehen, muss man sich 
frühzeitig im Jahr auf die Socken machen

Glatt-Brillenschötchen (Biscutella laevigata)


in den Kalkfelsen blüht auch gut getarnt
das Filzige Felsenblümchen (Draba tomentosa)
daneben sieht man völlig verblüht auch
den Gegenblättrigen Steinbrech (Saxifraga oppositifolia)



ein Tiefblick  auf Thun und seinen See




in Reih und Glied stehen die Täfelchen zum Anschreiben
des Alpenblumen-Lehrpfades bereit



links der markante Sendemast auf dem Stögu-Gipfel und in Bildmitte der Niesen. Zwischen diesen beiden
die Berner Oberländer "Koryphäen" Eiger, Mönch und Jungfrau. Damit haben wir die berühmtesten Berner beisammen!


nach dem spannenden Tag
steht die leere Gondel für die Fahrt nach unten bereit