Dienstag, 4. April 2017

Schuppenwurz und Bisamkraut

Was da etwas hexerisch tönt, sind lediglich zwei harmlose Waldpflanzen, die jetzt in Vollblüte stehen. Die eine schmarotzt, die andere hat die Unscheinbarkeit auf ihr Wappen geschrieben. Beides beste Voraussetzungen, um das Interesse des Blumenwanderers zu wecken. Gefunden hat er sie dieser Tage in der Umgebung von Bern.

An der Schuppenwurz (Lathraea squamaria) lassen sich so manche interessante botanische Zusammenhänge aufzeigen. Sie hat ihren Namen zu Recht (lathraios griech. für "verborgen" und squama lat. für "Schuppe"), da sie unterirdisch ein reich verzweigtes bis zu 2 Meter langes Rhizom ausbildet. Dieses ist mit zu fleischigen Schuppen umgewandelten Niederblättchen besetzt, die eine Speicherfunktion haben. Ein solches Rhizom kann bis zu 5 kg schwer werden (überall in der Fachliteratur liest man genau dieselben Zahlen, aber wer hat das je nachgeprüft?!).

Da die Schuppenwurz keine eigentlichen Blätter ausbildet, hat sie aber ein Problem: ihr fehlt der Transpirationssog, der wie bei anderen Pflanzen Nährstoffe und Wasser von der Wurzel in die oberen Teile der Pflanze saugt. Aber auch dafür hat das findige Kerlchen ein Lösung parat: Der Stängel besitzt spezielle Wasserdrüsen (Hydathoden), die das Wasserpotential zwischen Wirt und Parasit aufrechterhalten, indem sie aktiv Wasser ausscheiden oder aufnehmen.

Die Blütezeit der Schuppenwurz fällt mit dem Beginn des Safttransports der Wirtsbäume zusammen (meist Laubbäume, aber auch Fichte wie vom Blumenwanderer beobachtet). Auf untenstehender Zeichnung ist gut zu sehen, wie die Schuppenwurz mittels Saugorganen (Haustorien) auf einer Baumwurzel parasitiert. Sie braucht daher kein Blattgrün und kann auch an dunkelsten Stellen gut gedeihen, da sie sämtliche Nährstoffe über ihren Wirt bezieht.

Welch urzeitliches Reptil reckt da seinen Kopf in die Höhe? Es ist die Schuppenwurz!
(Quelle: Kerner von Marilaun/Hansen: Pflanzenleben 1. Band, p. 361, 1913)

so blüht jetzt die Schuppenwurz. In kühlen
Jahren kann sie auch unterirdisch blühen!
Die dabei stattfindende Selbstbestäubung bei
geschlossenen Blüten nennt der Botaniker 
Kleistogamie.
der Blütenstand besteht aus einer einseitswendigen
Traube und enthält viele einzelne "Rachenblüten".
Der grösste Teil der Schuppenwurz befindet sich
unter der Erde. Nur zum Blühen kommt sie 
kurzzeitig aus dem Boden.




der Blumenwanderer beobachtete, wie eine Hummel unter diesen
Blättern verschwand. Als er sie etwas zur Seite schob,
kamen Blütenstände der Schuppenwurz zum Vorschein,
und die Hummel sammelte deren Nektar ruhig weiter!




die Einzelblüten sind meist etwas
rosa angehaucht




hier parasitiert die Schuppenwurz auf einer Hasel.
Die holzige Wirtspflanze gleicht das fehlende Chlorophyll aus.

die Gattung Lathraea gehört zur Familie der
Sommerwurzgewächse (Orobanchaceae) 
genau wie z.B. auch die ähnlichen 
Würger-Arten (Orobanche)
erstaunlicherweise kann die Schuppenwurz
 wie hier auch auf einer Fichte parasitieren!
die Sektion einer Einzelblüte ergab folgendes Bild:
unten der abgetrennte vierteilige Kelch mit drüsigen Haaren.
Er war glockenförmig verwachsen. Oben die aus je 2 verwachsenen
Kronblättern zusammengesetzte Ober- und Unterlippe.
Die 4 Staubblätter sind um den Fruchtknoten gruppiert,
aus dem der Griffel ragt. An der Basis der Fruchtknotens ist
eine gelbe Nektardrüse (=Nektarium) zu sehen!
Die 4 Kronblätter waren insgesamt röhrenartig verwachsen,
und die Blüte war zygomorph aufgebaut. Das abgefallene
Tragblatt der Blüte ist hier nicht zu sehen.




auch das Bisamkraut (Adoxa moschatellina) steht jetzt in Vollblüte.
Den bot. Namen spricht man  mos-chatellina aus. Er geht darauf zurück,
dass die Pflanze leicht nach Moschus riecht, wenn sie welk ist.




die würfelförmigen Blütenstände sind unscheinbar
(adoxos heisst auf griechisch "unscheinbar")

diese Pflanze liebt den speziellen Humus, der aus zerfallendem 
Laub entsteht. Sie wird ca. 10 cm hoch und liebt schattige, feuchte Orte.



das Bisamkraut ist der Namensgeber der Bisamkrautgewächse (Adoxaceae),
und ist somit in direkter Linie mit Holunder und Schneeball verwandt!
Da diese Familie nach molekulargenetischen Kriterien
 zusammengestellt wurde, sind aber nur wenige
Merkmale all ihren Gattungen gemeinsam.


interessanterweise hat die Blüte auf der
Oberseite nur vier Kronblätter, während
die seitlichen je fünf haben


der Blütenstand besteht aus einem endständigen Köpfchen,
auf dessen Oberseite und auf den vier Seitenflächen je
eine Einzelblüte steht. So entsteht der Eindruck eines Würfels.
Die fünf Staubblätter sind fast bis zum Grunde gespalten,
sodass der Eindruck entsteht, als hätte die Blüte 10 Staubblätter.


die gesamte Pflanze: als Geophyt besitzt sie
ein Rhizom als Ueberdauerungsorgan
dieses ist mit fleischigen Schuppen bedeckt,
welche man botanisch als Niederblätter
bezeichnet (hier sind deren 5 zu sehen)



Dunkelgrünes Lungenkraut (Pulmonaria obscura)

auch das Goldwindröschen (Anemone ranunculoides) blüht jetzt

die fertilen Stängel des Riesen-Schachtelhalms (Equisetum telmateia)
erscheinen vor seinen Blättern




das Milzkraut (Chrysosplenium alternifolium)
hat gelbe Hochblätter......

die eine Scheinblütenhülle um die völlig
unscheinbaren Blütchen in der Mitte bilden.


und zum Dessert noch dies:
zur Gattung der Schuppenwurzen gehören auch noch weitere Arten,
hier beispielsweise die Verborgene Schuppenwurz (Lathraea clandestina),
die aber in der Schweiz nicht vorkommt, sondern z.B. in Belgien....
(Quelle: Meneerke bloem, 2013)

oder die schöne Rhodopen-Schuppenwurz (Lathraea rhodopaea)
aus Bulgarien und Griechenland (Quelle: Kiril Metodiev, 2014)








1 Kommentar:

  1. Guten Tag
    das ist ja wieder sehr spannend, danke ! Wenn man etwas mehr über den Standort wüsste, könnte man selber gehen und staunen, aber die "Umgebung von Bern " ist halt etwas weit gefasst..

    Freundlicher Gruss in den Sonnensonntag !
    Susanne

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