Mittwoch, 8. Mai 2019

Mäuseschwanz und Hexenrauch

In der vom Blumenwanderer oft konsultierten Online-Enzyklopädie Wikipedia steht über Myosurus minimus, das Starlet dieses Beitrages: "Der Kleine Mäuseschwanz wächst als Therophyt in Herden." Die lustige Formulierung erstaunt, trifft aber durchaus zu, denn solch pflanzlichen Herden bildet dies seltene Hahnenfussgewächs tatsächlich.

Nicht trifft aber eine andere Aussage im besagten Artikel zu, nämlich dass diese Art in der Schweiz möglicherweise ausgestorben sei. Denn erstaunlicherweise gibt es ganze Mäuse-Herden mitten in der Stadt Solothurn an einem vielbesuchten Ort, wo man es eigentlich nicht erwarten würde. Wenn es mit den Zirkussen und Festivals dort indes so weitergeht, dürfte man eventuell das Wörtchen "möglicherweise" bald schon streichen können.

einen bemerkenswerten Beitrag zur Solothurner Stadtbotanik liefert
der Mäuseschwanz (Myosurus minimus)
die Pflänzli waren nicht viel grösser als ein Zehnrappenstück!
für den Standort gilt: "feuchte bis nasse Äcker u. Annuellenfluren; kalkfeindlich"

wenn es vom Mäuseschwänzchen heisst, es sei ein Therophyt,
ist damit gesagt, dass es nur eine kurze Lebensdauer hat und
viele Samen produziert, die dann im Folgejahr neu keimen



auf solch lückigen mageren Böden gedeihen die Herden

seine Samen werden auch als
sog. Regenschwemmlinge verbreitet


man würde zuerst gar nicht vermuten, dass dies kein
Miniatur-Wegerich ist, sondern ein Hahnenfuss-Gewächs.
Damit ist er z.B. eng mit der Bachbumele verwandt!


hier fühlt sich der Kleine wie im Klee!


in der Gattung Myosurus gibt es mehrere Arten
mit einem Diversitäts-Zentrum in Nordamerika.
In Europa kommt nur dieser vor.



In derselben Enzyklopädie Wikipedia wird deutlich, dass es für unsere Haselwurz (Asarum europaeum) eine Unmenge von Trivilanamen gibt wie:

HexenrauchHasenpappel, Aser, Brechhaselkraut, Drüsenkraut, Hasel-Mönch, Haselmünch, Haselmusch, Hasenohr, Hasenöhrlein, Hasenpappel, Hasenpfeffer, Hasewurz, Hasselkräut, Hauswurzel, Kampferwurzel, Leberkraut, Mausohren, Natterwurz, Neidkraut, Nierenkraut, Pfefferblätter, Pfefferkraut, Scheibelkraut, Schlangenwurzel, Schweinsohr, Speiblätter, Spitze Haselwörz, Teufelsklaue, Vogelskappe, Weihrauchkraut, Wilder Nardus und Wilder Pfeffer.

Die Liste nimmt kein Ende. Dazu kommen noch eine Unzahl von regional gebräuchlichen Ausdrücken wie etwa Brechwurz, Haselmuschelen, Haselwort und Haselwürze nur fürs Bernbiet. Wer auch immer all diese Namen zusammengetragen oder erfunden hat, aus dem Ganzen wird klar, dass das durch sie bezeichnete Ding etwas ganz Mysteriöses sein muss.


in einem ganz anderen Lebensraum wächst das zweite Starlet


hier kann man auch die längste freigespannte Brücke der Schweiz
mit einer Länge von 108 Metern überschreiten



Da man sich bei den deutschen Namen frei bedienen kann,
entscheide ich mich für Hexenrauch für diese mysteriöse Art.
Sie wächst mit ihren rundlich-nierenförmigen Blättern meist
etwas versteckt in Laubwäldern. Hier nicht ungewöhnlich ein
grosses Nest bei Wimmis (oder soll ich sagen: eine Herde?)





die Haselwurz gehört zu den ganz wenigen einheimischen
Osterluzeigewächsen (Aristolochiaceae)

hier ist gut zu erkennen, dass die ganze Pflanze
ausser der Blattoberseite behaart ist


entsprechend ihrem Art-Epitheton ist die Haselwurz eine echte Europäerin, 
denn sie ist die einzige in Europa heimische Art ihrer Gattung


die Blüten in Bodennähe bestehen aus
drei verwachsenen, braunpurpurnen Blütenhüllblättern

sie riechen intensiv nach Pfeffer und täuschen gewisse 
Merkmale von Pilzen vor und locken Pilzmücken an,
die für die Bestäubung sorgen (blütenökologisch 
werden sie deshalb „Fliegen-Täuschblumen“ genannt)

man geht davon aus, dass der Namensbestandteil "Hasel" nichts mit Haselsträuchern
zu tun hat, sondern eine volksetymologische Deutung von Asar(um) ist,
was im Altgriechischen "zweiglos" bedeutet.
Ueberhaupt kommt diese Art beileibe nicht nur unter Haselsträuchern vor!




um noch einen Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen,
sei hier erwähnt, dass es in der Gattung Asarum
ausserhalb Europas noch etwa 100 weitere Arten gibt:
hier Asarum maximum ...

 und da Asarum megacalyx,
um nur zwei von der spektakuläreren Sorte zu nennen.
Sie zeigen, dass die Haselwurzen auch ganz anderes können
als unscheinbare Blüemli zu produzieren.
(Quelle: Wikimedia commons, KENPEI, Japan)






1 Kommentar:

  1. Wie schön, teilhaben zu dürfen an der Freude über die wunderhübschen Besonderheiten, die ich übrigens nie selber entdeckt hätte!
    Merci.

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